Mike und Drachenfliegen von Günter Burghardt Durch die sensationelle Meldung aus den USA beflügelt, begannen auch einige Europäer, (z.B. Wolfgang Schwarzbauer aus Schliersee), mit dem Eigenbau von Hängegleitern, um sich ihren Wunschtraum vom vogelgleichen Flug zu erfüllen. Aber erst der Flug des Amerikaners Mike Harker am 11. April 1973 von der Zugspitze brachte in Europa den Durchbruch.
Mike Harker 11. April 1973, ein historischer Tag! Der Wind ließ nach, im milchigen Nebel am Schneefernerkopf der Zugspitze erschien ein Stückchen blauer Himmel. Tief drunten tauchten die Häuser von Ehrwald auf. "Jetzt oder nie ! " Mike Harker gab dem im Hubschrauber wartenden Kamerateam ein Zeichen. Vier Tage hatten sie auf gutes Wetter gewartet. Ein Sprung in die kurze Anlaufspur, mit flatterndem Segel nahm Mike Fahrt auf. Schneller, immer schneller - doch der Drachen wollte nicht tragen! Der Rückenwind..... Wie ein Pfeil schoß das bunte Dreieck über die Kante der 2000 Meter tiefen Felswand, sackte sekundenlang im freien Fall durch, drehte im Abwindrotor gefährlich nah zur Felswand. Plötzlich blähten sich die hohen Segeltunnel, der Wind faßte kraftvoll unter die Flügel. Dem Kameramann im Helikopter stockte der Atem. Ein Mann unter bunten Flügeln schwebte wie ein Condor von Deutschlands höchstem Berg - das hatte er noch nie gesehen! - In weiten Kurven sank der kleine Flieger langsam tiefer, landete nach zwölf Minuten auf dem Dorfacker in Ehrwald. Ein Gendarm strampelte per Fahrrad herbei und verhaftete den tollkühnen Vogelmenschen samt Fluggerät - "wegen unerlaubten Fluges über die Landesgrenze." Der Film entging dem eifrigen Ordnungshüter. Noch am selben Tage lief der sensationelle Streifen über die Fernsehsender ganz Europas. Eine neue Sportart begann den Europäischen Kontinent zu erobern. Es war der 11. April 1973, ein historischer Tag. Mit einem Schlag wurde Mike Harker berühmt, bekam Hunderte von Einladungen zu Demonstrationsflügen. Überall, wo er war, entstanden Keimzellen für spätere Drachenflugclubs. Er wurde zum Motor der Drachenfliegerei in Europa. Jetzt waren in aller Welt Tausende am Drachenfliegen (Hang Gliding) interessiert. Richtige Flugschulen und einheitliche Ausbildungsrichtlinien gab es bis dahin jedoch noch nicht. Man erlernte das Fliegen vorwiegend autodidaktisch. Noch im Herbst 1973 gründete Mike Harker in Scuol im Engadin/Schweiz die erste alpine Drachenflugschule der Welt. Sie entließ viele der ersten Drachenflugpioniere, die später ihre eigenen Flugschulen gründeten. Fast überall in der Welt begannen 1974 Drachenhersteller mit der Serienproduktion von Rogallogleitern. Die Hängegleiter der ersten Generation hatten anfangs weniger als 80 Grad Nasenwinkel und eine Sinkgeschwindigkeit von über 4m/Sek. Diese Fluggeräte waren jedoch, wie die australischen und amerikanischen Vorbilder, noch unerforscht und sehr gefährlich. Flatter-und Spiralstürze sowie Gerätebrüche waren die häufigsten Unfallursachen, die oft auch tödlich verliefen. Die zweite Generation im Drachenbau leitete der Amerikaner Roy Haggard im Frühjahr 1975 mit seinem aufsehenerregenden "Dragonfly" ein. Er brachte mit dem Dragonfly die meisten Verbesserungen, die es je bei einem Fluggerät in der Drachenfluggeschichte gab. Vom 12. bis 23. März 1975 organisierte der Österreicher Sepp Himberger die erste inoffizielle Weltmeisterschaft in Kössen/Tirol. Seiner Einladung folgten 300 Drachenflieger aus aller Welt, die in 3-7 minütigen Flügen ihr Können unter Beweis stellten. Sieger in der Kombination aus Zeit-und Zielflug wurde der Amerikaner Dave Cronk mit seinem Cumulus 5 b. Durch die Bemühungen von Ann Welch aus Großbritannien nahm die Federation Aeronautique Internationale (FAI) in Paris das Drachenfliegen 1975 als Sport in die Vereinigung auf. Anfang 1976 entwickelte der Salzburger Drachenflieger und Fallschirmspringer Herbert Stöllinger das erste vollwertige Hängegleiterrettungsgerät der Welt und rettete damit weltweit mehreren hundert Piloten das Leben.
Herbert Stöllinger mit seinem Delta-Stop-Rettungsgerät Die erste offizielle Weltmeisterschaft wurde dann vom 1. bis 12. September 1976 ebenfalls in Kössen ausgetragen. Christian Steinbach aus Kirchdorf/Tirol wurde mit seinem Brasil erster Weltmeister in der Standardklasse. In den Jahren 1975 und 1976 erforschte Professor Michael Schönherr aus Stuttgart den gefährlichen und oft tödlichen Flattersturz. Seine Forderung war u.a. eine mindestens dreifache Bruchfestigkeit der Hängegleiter, Fixierung des Achterliek-Bereichs sowie schränkungserhaltende Vorrichtungen (Swivel-tip) an den Flügelenden. Da bei flexiblen Tragflächen rein rechnerisch (damals wie heute) keine verbindlichen Aussagen über mechanische und strukturelle Festigkeit möglich sind, wurde erstmals 1977 in der Schweiz (Firma Ikarus) ein spezielles Fahrzeug für dynamische Belastungstests eingeführt. Die Deutschen Ali Schmidt und Paul Kofler bauten ebenfalls 1977 den ersten vollwertigen Flugmechanik-Meßwagen der Welt. Dieses 3-Komponenten-Meßfahrzeug mißt wie bei einer Windkanaluntersuchung Auftrieb, Widerstand und Momentenkraft (Pitch) eines Fluggerätes in Abhängigkeit von Anstellwinkel und Geschwindigkeit. Die Erkenntnisse daraus und die Forschungsergebnisse von Professor Schönherr führten zu den Fluggeräten der 3. Generation.
Erster 3-Komponenten-Flugmechanik-Meßwagen der Welt. Foto: Prof. Schönherr Seit Einführung des Betriebstüchtigkeitsnachweises (Gütesiegel) für Gerät und Ausrüstung 1979 in Deutschland, ähnlich in der Schweiz, Großbritannien und den USA, sowie einer weitgehenden Standardisierung der Ausbildung und der Pflicht, ein geprüftes Rettungsgerät mitzuführen, ist das Drachenfliegen sicher geworden. Führte die Entwicklung in der 3. Generation zu sicheren Fluggeräten, so wurde die Entwicklung zur 4. Generation im Hängegleiterbau, in der wir uns heute noch befinden, von dem Leitgedanken des Freien Streckenflugs geprägt. Heute fliegen Leistungspiloten mit modernen Hochleistungshängegleitern der 4. Generation fast 500 Km weit und bleiben dabei mehr als 8 Stunden in der Luft. So hat sich das Drachenfliegen in nur zwei Jahrzehnten vom Ruf des "Sports für Draufgänger" zu einem anerkannten und sicheren Luftsport entwickelt. Günter Burghardt Weitere Artikel: Resumé of film and television experience highlights - Mike Harker Wanderlust Lures Sailor on Worldwide Voyages that Combine Work with Thrill and Adventure |